Produkt: TAILORMADE Lehr-DVD
TAILORMADE Lehr-DVD
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Die Nähfaden-Nummerierung

Ein Buch mit sieben Siegeln? – Die Meisterin fragt in der Mittagspause, was die Auszubildende am Vortag in der Berufsschule Neues gelernt hat. „Der Lehrer hat mich gefragt, ob ich schon einmal nachgeschaut habe, was auf einer Nähfadenspule drauf steht und was es zu bedeuten hat“. Daraufhin wollte die Meisterin wissen, was die Antwort war. „Ich habe mir eine Spule noch nie so genau angesehen und ich hätte auch nicht sagen können, was es bedeutet“.

 

Das Foto zeigt Garn, Nadel, Nähfuß.

Dieser Beitrag ist ein Ausschnitt aus dem Fachbuch “Atelier – Fachwissen aus der Praxis Teil 1“.

 

Die Meisterin nahm der Reihe nach mehrere Spulen in die Hand und registrierte: „Nr. 120 bei dieser Spule, Nm 120/2 bei der großen Spule“. Dabei schaute sie etwas irritiert, denn der Faden mit der Stärke 120/2 ist deutlich feiner als der mit der Stärke Nr.120. Sicherlich hatte sie sich wie schon früher in ihrer Ausbildung mit dem Nähfadennummerierungssystem „ärgern“ müssen, aber das ist schon lange her und außerdem – so meint sie, war das früher ganz anders.

Das Gespräch mit der Auszubildenden hat der Meisterin zu denken gegeben, wo sie doch selbst die Nähfäden einkauft und damit letztendlich nicht einmal weiß, wofür sie bezahlt. So oder so ähnlich laufen die Gespräche ab. Es gibt genügend Fachliteratur, die sich mit der Thematik der Nähfadennummerierung auseinandersetzt. Meist sind diese aber zu ausführlich und damit zu kompliziert und oftmals verwirren sie mehr, als dass sie helfen. Leider sind die Ausführungen zum Teil auch falsch und irritierend, was bei Schulbüchern fatale Folgen hat. Wie soll sich der Auszubildende auskennen, wenn die Lehrkraft bzw. das Lehrbuch nur Halbwahrheiten wiedergibt.

 

Dicker oder dünner Nähfaden

Die Beschreibungen dicker oder dünner Nähfaden sind nicht ausreichend. Wer sich einmal einen Nähfaden unter dem Mikroskop angesehen hat, wird auch sehr schnell feststellen, warum die Angabe des Querschnitts als Maß für die Dicke nicht sinnvoll ist, da der Faden nicht absolut rund ist und außerdem die Haare bei den gesponnenen oder Umspinnzwirnen ein Ausmessen kaum ermöglichen. Angenommen Sie haben ein Fadenstück von 1 g Gewicht, dann ist der dünnere Faden länger als der dickere – hier spricht man von der Gewichtsnummerierung.

Man kann aber diesen Vergleich auch herumdrehen: Man hat ein Fadenstück von 1 m Länge, dabei ist der dicke Faden schwerer als der dünne – hier wird von der Längennummerierung gesprochen. Im Vordergrund steht das heute allgemein übliche Nummerierungssystem, welches auf der Nummer metrisch (Nm) beruht. Bevor man einen Faden verkauft, muss er erst einmal produziert werden. So werden in der Spinnerei z.B. aus 1 t Fasermaterial 120.000 km Nähfaden ausgesponnen. Dies entspricht einer Länge von 120 m, bezogen auf 1 g Gewicht. Dies nennt man dann Nm 120/1. Die Zahl vor dem Strich ergibt die Lauflänge, die Zahl nach dem Strich das Gewicht.

 

Lauflänge/Gewicht

Der einfache gesponnene Faden hat wie eine Feder die Tendenz wieder zurückzuspringen. Um dies zu verhindern werden zwei oder mehr Einzelfäden entgegengesetzt zusammengezwirnt. Werden nun zwei Fäden zusammengezwirnt, so ist das Gewicht im Vergleich zum einfachen Faden doppelt so hoch, d.h. der Faden besitzt jetzt die Stärke von Nm 120/2, werden aber drei Fäden zusammengezwirnt, der Faden also dreimal so schwer, so ergibt sich daraus die Stärke von Nm 120/3. Die Zahl hinter dem Strich gibt demzufolge nicht nur das Gewicht an, sondern auch aus wieviel Einzelfäden der Nähfaden besteht. Früher waren fast alle Nähfäden aus drei Einzelfäden zusammengezwirnt. Der Grund hierfür lag darin, dass die Nähfäden verstärkt Dick- und Dünnstellen aufwiesen und bei einem dreifachen Faden diese mehr ausgeglichen werden im Vergleich zu einem zweifachen. Die Technik hat große Fortschritte gemacht und der Einzelfaden ist immer gleichmäßiger geworden. Deswegen bestand nicht mehr die Notwendigkeit, den Nähfaden aus drei Einzelfäden herzustellen, wenn zwei Einzelfäden denselben Zweck erfüllen, was in den feinen Stärken sicherlich richtig ist.

So entstand z.B. ein Nähfaden der Dicke Nm 80/2, d. h. 80 m wiegen 2 Gramm. Diese Stärke Nm 80/2 hat die bisherige Stärke Nm 120/3 abgelöst, beide Fäden haben den gleichen Querschnitt. Stimmt dies? Erinnern wir uns an den Dreisatz und suchen einen gemeinsamen Divisor, nämlich 1 g. Beispiel Nm 120/3: 120 m wiegen 3 g, also 1 g = 40 m. Nm 80/2: 80 m wiegen 2 g, also 1 g = 40 m. Dadurch, dass nun einige Fäden zweifach und andere wiederum dreifach waren, konnten die Nähfäden nicht direkt miteinander verglichen werden, d. h. die alte Aussage, dass je höher die Zahl, umso feiner der Faden, stimmte nicht mehr. Eigentlich wäre es in dem Falle richtig gewesen, wenn man die Nähfäden umgerechnet hätte auf 1 g Gewicht, d. h. sowohl bei Nm 120/2 als auch Nm 80/2 würde dies Nm 40/1 bedeuten. Auch wenn dies sehr logisch ist, der Verarbeiter war nun den dreifachen Faden gewohnt. Da der Kunde König ist, musste ein neues System gefunden werden, das auf dem alten basiert.

Also wird der Nähfaden umgerechnet auf 3 g, auch dann, wenn er aus zwei Einzelfäden besteht. Wie schon vorher aufgezeigt, würde dann der Nähfaden Nm 80/2 die neue Nm 120/3 erhalten – dies ist aber falsch, weil der Faden eben nur aus zwei Einzelfäden besteht. Also lässt man die Zahl hinter dem Strich weg und aus der Nm120/3 wird dann die Stärke No.120. Wen interessiert es schon, ob der Nähfaden aus zwei oder mehr Einzelfäden besteht, wichtig ist, dass Klarheit in der Dickenbezeichnung herrscht. Die Stärkenbezeichnung Nm 120 ist nicht ganz richtig, nach dem deutschen Eichgesetz auch nicht mehr erlaubt. Deswegen wurde aus der Nm als Ersatz die Nummer, in der Abkürzung No., Nr. oder Etikett gewählt, teilweise auch nur als reine Zahl ohne jeglichen Zusatz.

Wenn Sie also einen Nähfaden der Dicke 75 kaufen, so kann dies die Stärke Nm 25/1 sein, oder Nm 50/2, oder Nm 75/3. Wenn Sie das Vorstehende verstanden haben und dies auch dem Auszubildenden weitergeben können, sind Sie schon fast ein Nähfadenprofi. Sie werden aber sicherlich schon festgestellt haben, dass es für den Nähfaden auch andere Stärkennummerierungen gibt. Ihnen ist sicherlich ein derartiges System schon lange bekannt unter der Bezeichnung Titer Denier, abgekürzt auch den. Wer Damenstrümpfe kauft, achtet auch auf die Stärke. Die ganz dünnen, empfindlichen Nylonstümpfe hatten früher eine Stärke von beispielsweise 16 den, die dickeren von 20 bis 22 den. Ausgangsbasis ist hierbei eine Lauflänge von 9.000 m, d. h. bei 20 den haben 9.000 m ein Gewicht von 20 g.

Diese Stärkenbezeichnung ist aber nicht mehr aktuell, denn eine Bezugsgröße von 9.000 m ist keine metrische Maßeinheit wie z.B. 1.000, 10.000 oder 100.000 m. Bei den Nähfäden wird zumeist als Basis 10.000 m gewählt, die Angabe ist dann dtex. Wiegen 10.000 m = 400 g, so spricht man von der Fadendicke 400 dtex. Auch hier wird nicht berücksichtigt, ob der Faden aus zwei, drei oder sogar mehr Einzelfäden besteht. Diese technische Dickenangabe wird unter Fachleuten praktiziert, sei es nun für Garne bei Geweben, Gurten und Ähnlichem. Wenn Sie auf die Verpackung ihrer Nylonstrümpfe schauen, werden Sie mit Erstaunen feststellen, dass hier fast ausschließlich die Angabe der Stärke in dtex erfolgt, bisweilen noch zusätzlich in Denier, so wie es früher üblich war.

 

Englisch-Nummerierung

Für Leinen- und Baumwoll-Nähfäden gibt es andere Nummerierungssysteme. Noch vor 100 Jahren hat man im englischsprachigen
Raum andere Berechnungsgrundlagen gehabt als im französischsprachigen, die Zeiten sind zum Glück vorbei. Geblieben ist aber die
Englisch-Nummerierung, die für Baumwolle und Leinen unterschiedlich ist. Leinen als Nähfaden ist heute ohne Bedeutung, seine Steifigkeit besonders in gewachster Form hat ihn über viele Jahre als Knopfannäh-Faden erhalten. Ansonsten hat er aber keine Bedeutung mehr und soll deswegen hier nicht mehr erwähnt werden.

 

Anteil von Baumwollfäden immer geringer

Der Anteil der Baumwoll-Nähfäden wird immer geringer, im Bereich der Industrie findet man eigentlich keine Baumwoll-Nähfäden mehr. Die Berechnung bei den Baumwoll-Nähfäden ist recht kompliziert, weil hierbei alte englische Maße zugrunde gelegt werden. Man sollte jedoch wissen, dass das Umrechnen der Baumwollnummer in die metrische Nummer erfolgt durch die Multiplikation % 1,69 oder abgerundet 1,7. Dies bedeutet: Ein Baumwoll-Nähfaden der Dicke No. 50 entspricht der No. 85. Bei den Baumwoll Nähfäden haben wir üblicherweise hinter der Zahl keine Angabe über die Fachung bzw. das Gewicht. Bei einem Baumwoll-Nähfaden de Dicke No. 30, 40 oder 50 muss davon ausgegangen werden, dass diese Fäden generell aus drei Einzelfäden bestehen. Es existieren aber auch Baumwoll-Nähfäden aus zwei Einzelfäden, in diesem Fall wird dann die Fachung angegeben z.B. Baumwolle Etikett 40/2. Umgerechnet auf einen dreifachen Faden wäre dies dann die Baumwollnummer Etikett 60.

 

 

Atelier – Fachwissen aus der Praxis 1
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Stickfäden

Eine Tabelle der Nähfaden-Nummerierung ist abgebildet.

Werden Sie auch mit Stickfäden konfrontiert, so sollten Sie das Nachfolgende zumindest durchlesen. Die Stickfäden aus hochglänzender Viskose oder glänzendem Polyester werden ebenfalls nach dem Baumwoll-Nummerierungssystem angeboten. Diese Fäden sind fast ausschließlich zweifach. Man spricht hierbei nicht vom Stickfaden 40/2, sondern eigentlich nur von der Dicke 40. Bezogen auf einen dreifachen Faden wäre dies dann die Nummer 60. Dies ist sicherlich etwas verwirrend, glücklicherweise gibt es aber eigentlich nur zwei Stärken, die verstärkt angeboten werden, nämlich als Universalstärke die Nummer 40 und als gröbere die Nummer 30. Will man dies nun mit der Nm vergleichen, so muss zuerst die Stärke 40 als Nm 40/2 umgerechnet werden in die Nummer 60, diese ist dann zu multiplizieren mit 1,7, so dass letztendlich daraus die Dicke No. 100 wird.

Warum bei den Stickfäden die englische Baumwollnummerierung gewählt wurde? Der Grund liegt darin, dass man früher zum Sticken Baumwollfäden gewählt hat und die Viskose unter anderem aus Baumwollabfällen hergestellt wird. Also war es naheliegend, die Baumwollnummerierung zu wählen. Auch hier war man nicht gewillt, später umzudenken und so werden die Stickfäden aus Polyester immer noch nach dem Baumwollnummerierungssystem gekennzeichnet. Wie schön wäre es, wenn wir eines Tages einmal ein logisches und einheitliches System bei den Nähfäden hätten. Aber dann würde die Auszubildende die Meisterin in der Mittagspause sicherlich etwas anderes fragen, und dann müsste die Meisterin in ihren alten Unterlagen wieder nachschauen, denn auf jede Frage muss eine Meisterin eine Antwort haben. Für diejenigen, die noch mehr wissen wollen, gibt die Umrechnungstabelle weitere Auskünfte.

 

Produkt: Rundschau für Internationale Damenmode 1-2/2017
Rundschau für Internationale Damenmode 1-2/2017
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