Schnittkonstruktion

Ohne Schnitte keine Kleidung. Wie man bei der Schnittkonstruktion vorgeht und was dabei zu beachten ist, erklären wir dir hier.

Während Modetrends kommen und gehen, sind Schnitte allgegenwärtig. Sie bilden die Grundlage eines jeden Kleidungsstücks. Bis zur fertigen Konstruktion eines Schnittes muss jedoch eine Reihe wichtiger Schritte beachtet werden. Hier erfährst du alles Wichtige rund um Schnittkonstruktion und wie man dabei vorgeht.

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Was ist eine Schnittkonstruktion?

Eine Schnittkonstruktion beschreibt den Prozess der Herstellung von Schnittmustern. Schnittmuster, kurz Schnitte, sind Vorlagen, welche meist auf Seidenpapier aufgezeichnet und formgebend für den Stoffzuschnitt sind. Die Schnittteile werden ausgeschnitten und auf den Stoff in Richtung des Fadenlaufes platziert. Stecknadeln oder Gewichten helfen die Muster auf dem Stoff zu fixieren. Falls die Nahtzugabe noch nicht im Schnitt enthalten ist wird diese mit Schneiderkreide in der gewünschten Breite angezeichnet. Der Linie entlang wird der Stoff dann zugeschnitten, um anschließend beim Nähen weiterverarbeitet werden zu können.

 

Technische Zeichnung eines Rock-Schnittmusters mit Maßberechnungen und eine Zeichnung des fertigen Rocks.
Das Rock-Schnittmuster gibt genaue Auskunft über Schnittlängen, Zugaben und Raffungen. (Bild: M. Müller & Sohn)

 

Schnittmuster sind vielseitig einsetzbar. Sie können für den Entwurf, das Gradieren, aber auch die Aufwertung von Kleidungsstücken angefertigt werden. Schnittmuster existieren für so ziemlich alle Kleidungsstücke – von Hüten bis zu Socken.

Wichtig Grundsätzlich gilt zwischen einem Grundschnitt und einem Modellschnitt zu unterscheiden. Während der Grundschnitt als Basis dient, bietet der Modellschnitt kreative Designelemente. Einem Modellschnitt geht somit immer ein Grundschnitt voraus. Eine gute Übersicht an Grundschnitten, u.a. für Kleider und Röcke, und wie man diese anfertigt, findest du im Buch „Grundschnitte -DOB“.

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Welches Material und Zubehör werden benötigt?

Beim Erstellen von Schnittkonstruktionen solltest du nicht nur über Kenntnisse in Mathe und Geometrie verfügen, sondern auch diverses Werkzeug zur Hand haben. Falls du einen Teil davon noch nicht hast, gelangst du über die aufgeführten Links in unseren Shop, in welchem du dir das benötigte Zubehör bestellen kannst.

 Gelbes Maßband mit schwarzer Bezifferung
Mit einem Maßband können verschiedene Körpermaße gemessen werden.

 

Werkzeug, das zur Schnittkonstruktion benötigt wird:

Bleistift

Schneiderwinkel aus Acryl

Radiergummi

Anspitzer

Kurvenlineal

Änderungskurve

Stoffschere

Tesafilm

Taillenmaßband

Schrittmaßband

Schnittmusterpapier

Kreide

Maßband

Messstreifen in 1/6 Größe

Stecknadeln

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Wie konstruiert man einen Schnitt?

Eine Schnittkonstruktion lässt sich nach den folgenden Schritten erstellen

  1. Schnitt-Idee
  2. Maß nehmen
  3. Größe kalkulieren
  4. Schnittkonstruktion
  5. Stoffwahl
  6. Zuschnitt

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Schnitt-Idee

Schnitte konstruiert man entweder auf Basis von fertigen Schnittmustern oder entwickelt welche nach eigenen Ideen.

Drei Schneiderpuppen, bei denen aus verschiedenen Blickwinkeln das Annähen eines Ärmels an eine weiße Bluse von Gianfranco Ferre gezeigt wird.

Schnitt-Ideen entwickeln sich den Körpermaßen entsprechend. Hier bei einer Damen-Bluse von Gianfranco Ferre. 

Insbesondere für Neulinge empfehlen sich fertige Schnittmuster, um sich mit der Schnittkonstruktion vertraut zu machen. Diese findet man meist als Schnittmusterbögen (mehrere Schnittmuster auf Vorder- und Rückseite gedruckt) in Magazinen, aber auch einzeln zum Download im PDF-Format. Bei den vorgefertigten Schnittmustern ist zu beachten, dass diese entweder in Einzelgrößen oder Mehrgrößen verfügbar sind. Oftmals sind auch verschiedene Schnitte übereinander aufgedruckt. Ohne die Schnittmuster-Vorlagen zerschneiden zu müssen, kannst du mit Bleistift und Schnittmusterpapier die Formen ganz einfach abpausen. Auf jeden Fall sollte vor dem Abzeichnen Maß genommen und anhand der meist mitgelieferten Körpermaßtabelle die richtige Größe ermittelt werden.

Wenn du dagegen schon länger mit dem Gedanken spielst, eigene Schnittmuster zu kreieren, besteht die Möglichkeit, die vorgefertigten Grundschnitte nach persönlichem Geschmack oder aktuellen Trends anzupassen. Wer ganz frei sein möchte, nimmt Maß und konstruiert sein eigenes Schnittmuster, das individuell angepasst werden kann. In beiden Fällen ist kreatives Geschick gefragt. Wie man in diesem Fall vorgeht, zeigen wir dir in den nächsten Schritten.

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Wie nimmt man richtig Maß?

Bei der Schnittkonstruktion ist die Anpassung an Körpermaße wichtig. Für die perfekte Passform werden genaue Maße benötigt. Daher sollte man im nächsten Schritt sehr sorgfältig messen und Proportionen beachten. Es existieren eine Reihe unterschiedlicher Maße, die beim Vermessen von menschlichen Proportionen von Relevanz sind. Die Maße teilen sich in zwei Gruppen:

  1. Hauptmaße, die unbedingt am Körper zu messen sind, und
  2. Hilfsmaße, die gemessen oder berechnet werden können, um Messfehler zu vermeiden.

 

Vier Zeichnungen einer Dame, deren Körpermaße mit einem Maßband gemessen werden.
Bei der Konstruktion eines Schnittmusters sind mehrere Körpermaße zu nehmen. (Bild: M. Müller & Sohn)

 

Eine Auswahl an Hauptmaßen

Bu Brustumfang Körperumfang über die höchste Stelle der Brust
Hu Hüftumfang Körperumfang über die stärkste Stelle des Gesäßes
Tu Taillenumfang Körperumfang in der stärksten Teilenhohlung
Älg Ärmellänge Maß von der Armkugel über den leicht angewinkelten Ellenbogen bis zur Handwurzel

 

Eine Auswahl an Hilfsmaßen

Stl Seitenlänge Maß über die Hüfte vom unteren Rand des Taillenmaßbandes bis zum Boden
Schr Schrittlänge Maß vom Schritt zur Sohle
Lbh Leibhöhe Maß von der Armkugel über den leicht angewinkelten Ellenbogen bis zu Handwurzel

 

Je nach Kleidungsstück und ob es für Damen, Herren oder Kinder geschnitten werden soll, gibt es eine Reihe weiterer Hilfsmaße, wie den Oberarm- oder Knöchelumfang. Mehr Haupt- und Hilfsmaße kannst du den Größentabellen im M. Müller & Sohn Schnittsystem entnehmen.

Tipps zum Maß nehmen

  • Person stehend mit gerader Haltung ausmessen
  • Person am besten ohne Kleidung, aber in Unterwäsche ausmessen
  • Nicht zu eng messen
  • Maßband glatt am Körper anlegen
  • Nicht vor dem Spiegel messen

Trotz aller Anstrengungen können Messfehler manchmal nicht vermieden werden. Was es beim Maß nehmen sonst noch alles zu beachten gibt und wie man bei Fehlern in der Passform vorgeht, kannst du ausführlich im Buch „Passformfehler – DOB & HAKA“ nachlesen.

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Größe kalkulieren

Die ermittelten Körpermaße werden entweder mit den zum Schnittmuster gehörigen Größentabellen oder anderen Referenztabellen verglichen, um die richtige Schnittmustergröße auszuwählen.

Tabelle mit verschiedenen Konfektionsgrößen und dazugehörigen Maßangaben aus dem M. Müller & Sohn Schnittsystem.
Maßtabellen helfen, die richtige Größe des Schnittmusters zu wählen.

Hilfreich sind hierbei die Größentabellen im M. Müller & Sohn Schnittsystem. Sie umfassen die verschiedensten Körperabweichungen, sparen Zeit und sind einfach anzuwenden. Im Schnittsystem nach M. Müller & Sohn aus dem Jahr 1891 werden die Schnittmuster nach proportionaler Berechnung an die Körpermaße angepasst. Damit besticht es durch seine hohe Passgenauigkeit und konnte sich in den vergangenen 100 Jahren national wie international in der Bekleidungs- und Textilindustrie erfolgreich durchsetzen.

Tipp Schwanken die genommenen Maße zwischen zwei Größen, dann nimm immer die größere Größe!

Da es sich bei den gemessenen, berechneten oder einer Größentabelle entnommenen Maßen um reine Körpermaße handelt, müssen je nach Design, Stoff oder Komfortvorlieben, Zugaben zugerechnet werden. Diese Zugaben sind der Zugabentabelle zu entnehmen. Diese gibt es sowohl für Damen– als auch Herrenkleidung.

Es gibt zwei Arten von Schnittzugaben:

  • Mindestzugabe (auch: Bequemlichkeitszugabe) für Passform + Tragekomfort
  • Weitenzugabe (auch: Designzugabe) für Design/Gestaltung

Tipp Während Mindestzugaben immer eingerechnet werden, sind Designzugaben optional.

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Schnittkonstruktion

Ist Maß genommen und die Größe berechnet, gilt es die Längen und Weiten basierend auf den Maßangaben abzutragen. Zur detaillierten Beschreibung des Schnittes werden wichtige Punkte mit größeren Zahlen versehen, wobei die Maßangaben immer in Zentimeter zu verstehen sind. Hilfslinien werden dünn, Schnittkanten und Nahtlagen dick, und Einschnittlinien doppelt gestrichelt eingezeichnet.

Technische Zeichnung eines Hosen-Schnittmusters mit Maßberechnungen
Bei der Schnittkonstruktion ist die detaillierte Angabe von Längen und Weiten wichtig.

 

Folgendermaßen geht man bei der Konstruktion eines Schnittes vor:

  1. Mit einer senkrechten Linie beginnen.
  2. Schnittkanten/Nahtlagen an der Orientierungslinie ausrichten.
  3. Weiten und Längenmaße, sowie bspw. Hals- und Armloch und Abnäher einzeichnen.
  4. Alle Messstrecken, Übergänge z.B. von Schulter, Armloch und Abnäherdach überprüfen.
  5. Teile voneinander trennen.

Wichtig Alle Linien müssen exakt rechtwinklig zueinanderstehen. Hierbei sind Hilfslinien sinnvoll.

Vor dem Zuschnitt sollten die Schnittkonstruktionen nachgemessen werden.

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Stoffwahl

Bei den meisten vorgefertigten Schnittmustern ist angegeben, welche Stoffe jeweils geeignet sind. Bei eigenen Konstruktionen gilt es, vorher Informationen über die Stoffeigenschaften einzuholen. Wie viel Stoff benötigt wird, basiert auf der Schnittgröße und eventuellen Zugaben.

Weißer Stoff, der auf einer Schnittunterlage liegt.
Nicht jeder Stoff ist für jedes Schnittmuster geeignet.

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Zuschnitt

Nach der Konstruktion des Schnittmusters und der Wahl des gewünschten Stoffs gilt es, die Schnittmuster auf Seidenpapier zu übertragen. Diese Vorlagen dienen dann im nächsten Schritt für den Stoff-Zuschnitt.

Technische Zeichnung eines Hosen-Schnittmusters mit Maßangaben
Das Hosenschnittteil gibt genaue Auskunft über die zu verwendenden Maße.

 

Folgendermaßen geht man beim Übertragen auf Seidenpapier vor:

  1. Falls sich das (vorgefertigte) Schnittmuster auf mehrere Seiten erstreckt, sollten die Einzelteile gedruckt/kopiert und dann zusammengeklebt werden.
  2. Anschließend legst du ein Seidenpapier über das Schnittmuster und zeichnest die relevanten Linien mit Bleistift nach.
  3. Die Vorlagen auf dem Seidenpapier schneidest du nun aus und platzierst sie so platzsparend wie möglich auf dem Stoff entlang des Fadenlaufes.
  4. Dazu nimmst du den Stoff entsprechend dem Schnittmuster einfach oder doppelt und zeichnest mit Kreide die Vorlage entlang. Stecknadeln oder Gewichte helfen, die Vorlagen auf dem Stoff zu fixieren und ein Verrutschen zu verhindern.
  5. Falls die Nahtzugabe noch nicht im Schnitt enthalten ist, wird diese mit Schneiderkreide in der gewünschten Breite angezeichnet.
  6. Anschließend schneidest du mit einer Stoffschere die gewünschte Form aus.

Die Stoffteile sind nun zum Nähen und für die weitere Verarbeitung verwendbar.

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Schnittmuster-Vorlagen

In unserem Online-Shop findest du eine Reihe von Schnittmusterbögen von unterschiedlichen Kleidungsstücken für Damen und Herren. Diese lassen sich einfach ausdrucken und in ihrem Grundmuster verwenden oder weiterentwickeln. Sie eignen sich außerdem gut, um die Modellentwicklung zu lernen.

Für ausführliche Informationen zur Schnittkonstruktion einzelner Kleidungsstücke empfehlen sich unter anderem unsere Bücher zu:

Aber auch auf unserer Website haben wir Anleitungen zu diversen Schnittkonstruktionen für Damenmode wie Bikinis, Overalls, Retrokleider und anderen Modelle für dich. In der Damenrundschau 3.2018 findest du zudem die vollständige Schnitt-Technik zum Anfertigen und Nähen von 8 Ärmelvarianten.

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Erstmals erschienen 2019, letzte Aktualisierung 24.10.2019