Produkt: Rundschau für Internationale Damenmode 5/2016
Rundschau für Internationale Damenmode 5/2016
Rundschau für Internationale Damenmode 5/2016

Lotusseide

Das Garn aus der Blüte des Buddha

Mit ihren Booten fahren die Fischer auf den See, um die Stängel der Lotusblumen aus dem Seegrund zu ziehen. Die Seide aus der heiligen Pflanze sorgt in Myanmar für wirtschaftlichen Aufschwung.

 

Einer der sicherlich kostbarsten Stoffe der Welt wird im Herzen von Myanmar gewoben. Er besteht aus einem wildseiden-leinenähnlichem Garn, erstellt aus tausenden feinster Fasern der Stängel von Lotosblumen. Welche Kunstfertigkeit hinter diesem – eigentlich nur Buddha zustehenden – Gewebe steckt, zeigen uns die Weberinnen in einem kleinen Dorf inmitten des malerischen Inle-Sees im Shan-Gebirge. Dieser See ist berühmt für seine Einbeinruderer. Die Fischer rudern nicht mit den Händen, sondern mit einem Bein, so haben sie beide Hände frei zum Fischen mit den Reusen. Mit ihren Booten fahren sie auch auf den See, um die Lotusstängel aus dem Seegrund zu ziehen, denn die Rohstoffgewinnung liegt in Männerhand. Die Fischer gehören zur ethnischen Gruppe der Intha. Da der lokale Shan-Fürst ihnen einst kein Land zusprach, haben sie ihre Häuser und Dörfer auf Stelzen gebaut. Die Intha sind berühmt für ihre schwimmenden Gärten, künstliche Inseln aus Wasserhyazinthen, Tang, Schilf und Schlick, die als Grundlage für ihren Gemüseanbau, vor allem Tomaten, dienen.

Neben der Fischerei haben die Intha sich aufs Weben konzentriert. Langsam nähert sich das Langboot dem Stelzendorf Innpawkhon. Schon von weitem hört man das Klappern der unzähligen Webstühle. An der Lotusweberei Khit Sunn Yin machen wir halt. Frauen aller Altersgruppen sitzen an traditionellen Webstühlen in einem lichtdurchflutenden Raum und weben die charakteristischen Intha-Muster, darunter auch viele Ikats und vor allem, die kostbaren Stoffe aus Lotusseide. Vor der großen Werkstatt auf einer Terrasse sitzt die Weberin Nwe auf dem Boden, tief versunken in ihre Arbeit. Neben ihr liegen lange dünne Stängel von Lotusblumen, die mindestens drei Tage eingeweicht waren. Sie nimmt davon vier Stängel in die Hand und schneidet von diesen jeweils zwei ca. 10 cm lange Stücke ab. In jeder Hand hält sie vier dieser kurzen Stängel und zieht diese behutsam auseinander, so geben die hölzernen Zellstoffkanäle ihr Innerstes frei, 30-50 hauchdünne fragile Lotusfasern von höchstens 5 Micron. Vorsichtig streicht sie diese über ein Holzbrett und dreht die Fasern von drei-vier Lotusstängeln mit der rechten Hand zu einer langen festen Schnur, die von einer Schale aufgefangen wird. Die Arbeit ist extrem aufwändig. Sind 40 Meter Garn so erstellt, wird es auf einer Spule gefasst. Die Fäden müssen innerhalb von 24 Stunden feucht verarbeitet werden, sonst brechen sie. Der Faden fühlt sich im feuchten Zustand rau an.

 

Der gewobene Stoff ähnelt der fester Wildseide und Leinen mit einer samtenen Haptik und trotzdem sehr robust. Die Farbe des Garns ist zunächst ein gräuliches Beige, durch eine spezielle Bearbeitung erhält es später seine elegante Ecru-Farbe. Möchte man es lieber farbig, dann werden mit natürlichen Farbpigmenten die Garne eingefärbt, je nach Wunsch des Auftraggebers oder Kunden. Schon mit 14 Jahren lernen die Mädchen die Webkunst von ihrer Mutter, die meist bis ins hohe Alter arbeitet. Viele Weberinnen hören erst mit 65 auf, denn der Lohn für ihre Arbeit ist gering. Nicht mehr als vier Euro am Tag bekommt eine erfahrene Weberin: „Die Lotusseidenspinnerei ist eine sehr feinfühlige, schwierige Arbeit, brechen doch die Fasern leicht,“ erklärt uns Frau Nang. Streng genommen trifft der Ausdruck Seide nicht auf das Gewebe zu, denn es wird nicht von den Larven des Seidenspinners gewonnen. Der Name leitet sich von den seidenähnlichen hauchdünnen Fasern ab, die denen der echten Seide sehr ähnlich sind.

Erst seit rund hundert Jahren kennt man diese Webkunst am Inle-See. Die Zeit der Produktion ist nur während und kurz nach der Regensaison von April bis Dezember möglich, denn nur dann wachsen die Lotospflanzen (Nelumbo Nucifera) bis zu fünfmal in einer Saison nach. Für die Inthas ist sie eine sehr wertvolle Blume, denn die ausgehöhlten Stängel werden als Dünger verarbeitet. Die tellerförmigen Blätter werden zum Aufbewahren von Nahrung, vor allem Reis und zum Transport von Waren verwendet. Die herrlichen rosafarbenen Blüten bringt man Buddha als Geschenk dar, denn der Lotus steht für geistige Reinheit, Klarheit und Erlösung aus dem Kreislauf der Wiedergeburten, für den Weg, den Buddha uns lehrt.

 

Das Non Plus Ultra

Ursprünglich durften nur Buddha-Bildnisse und hohe Geistliche mit diesem kostbaren Stoff bekleidet sein. Doch im Jahr 2010 entdeckte der italienische Unternehmer Pier Luigi Loro Piana die Kostbarkeit dieses Stoffes. Das traditionsreiche ehemalige Familienunternehmen Loro Piana (seit 1924 in sechster Generation) gehört seit 2013 zum Luxuskonzern LVMH und ist berühmt für seine Produkte aus feinstem Kaschmir, nur das Edelste ist gut genug. Nun setzt er auf die Seide der Lotusblüte als das non plus ultra in seiner Mode. Für Pier Luigi hat diese Lotusfaser alle Eigenschaften, die man sich von einem Stoff wünschen kann: sie ist sehr leicht, atmungsaktiv, wasserabweisend, im Sommer kühlend und im Winter wärmend, dazu knittert sie nicht.

“Loro Piana Lotus Flower®” heißt der Markenname. Aus dem feinen Tuch (für ein Jackett braucht man 26 000 Pflanzen) werden nur etwa 100 exklusive Made-to-Measure-Sakkos pro Jahr zu einem Kostenpreis von etwa 6.000 Euro pro Blazer gefertigt. Dafür erhält Loro Piana etwa 50 Meter Stoff pro Monat von der Vertragsweberei, ein ganzes Dorf arbeitet so für ihn.

 

Aufschwung durch die kostbare Seide

Für die Menschen in Myanmar, dem ärmsten Land Asiens, sind die Kosten für ein solches Sakko eine unvorstellbar hohe Summe verglichen mit ihrem kümmerlichen Tagesgehalt. Nach 50 Jahren Isolation durch die Militärregierung hoffen sie auf bessere Zeiten. Auch die Weberinnen haben bei den letzten Wahlen im November 2015 die Politikone und Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi gewählt, die Vorsitzende der Nationalen Liga für Demokratie (NLD). Nun hoffen sie, dass es aufwärts geht. Die Zeichen stehen gut, der Tourismus am Inle See boomt, die Schals aus Lotusseide finden großen Absatz bei den Gästen, die täglich die Webereien besuchen. Auch der Export nimmt zu. Sie hoffen, dass der Stoff, der eigentlich für die Unsterblichen gedacht war, auch ihnen, den Sterblichen, zu einem besseren Leben verhilft.

Produkt: Rundschau für Internationale Damenmode 10/2016
Rundschau für Internationale Damenmode 10/2016
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