Produkt: Rundschau für Internationale Damenmode 5/2016
Rundschau für Internationale Damenmode 5/2016
Rundschau für Internationale Damenmode 5/2016

Das Kleid – Spiegel gesellschaftlicher Veränderungen

Der mittelalterliche Begriff „kleit“ bezeichnet Kleider aus einem mit fetter Tonerde gewalkten Tuch. Vorläufer solcher Gewandungen waren lange Wickel- und Hemdenformen, wie sie schon vor 5000 Jahren  von der Oberschicht in Ägypten oder Mesopotamien zelebriert wurden. Während der romantischen Minnezeit verwendete man den Ausdruck „kleit“ ausschließlich für die weiblichen Kleidungsstücke.

 

Zeigt ein altes Gemälde mit einem Kleid.
Während Jahrhunderten diktierte die Obrigkeit das modische Geschehen in Europa. Jane Seymour (1508 bis 1537), Gemahlin Heinrich des VII. von England. (Holbein der Jüngere)

 

Anno 1480 trugen florentinische Damen erstmals fürstliche Roben aus einem kostbaren Seidensamt, welcher in der Manufaktur zu Lucca hergestellt und mit Gold aufgewogen wurde. Die Kleidermacher betonten die körperlichen Reize der edlen Frauen durch steife Einlagen aus Rosshaar, eng geschnürte Mieder oder eingenähte Hüftpolster. Als gestalterische Element für solche samtenen Festtrachten dienten neben raffiniert modellierten Ärmelpartien und tief ausgeschnittenen Dekolletés auch komplizierte Verschlüsse mit versteckten Haken. Während Jahrhunderten diktierten politische Machtzentren wie das Herzogtum Burgund unter Karl dem Kühnen, das modebewusste Florenz unter der Herrschaft der Medicis, das Königreich Sachsen unter August dem Starken, das stolze Königreich Spanien unter Karl V. oder Frankreich unter Louis XIV und Louis XV. das modische Geschehen in Europa.

Die besonders für den Adel konzipierte höfische Kleidung erwies sich für „gewöhnliche“ Bürgerinnen als unerschwinglich und zudem sorgten die strengen Kleidermandate für eine vestimentäre Abgrenzung. Entsprechend entstand als modische Alternative
ein Stil, welcher zwar gewisse Elemente der höfischen Garderobe übernahm, jedoch zwangsläufig auf eigene Ausdrucksformen angewiesen war. Der industrielle Umbruch während des beginnenden 19. Jahrhunderts führte zum Aufbau einer leistungsfähigen Konfektionsindustrie, deren Produkte sich auch die arme Bevölkerung zu günstigen Preisen leisten konnte. Die Männer der reichen Oberschicht bleiben der anspruchsvollen Maßarbeit treu. Unter Napoleon III. und seiner modebewussten Gemahlin Eugénie de Montijo erlebte die Pariser Haute Couture und Haute Mode einen großen Aufschwung. Als der englische Modeschöpfer Charles Frederick Worth anno 1853 seine Salons an der Rue de la Paix eröffnete, präsentierte er die Kreationen erstmals auf Mannequins.

 

JEANNE LANVIN Haute Couture Paris 1922, plissierte Hänger-Kleider

Später gründete er dank der Unterstützung von Kaiserin Eugénie die „Haute Couture Français“, aus der die Chambre Syndicale de la Couture Parisienne hervorging. Seine Modeschauen wurden zum gesellschaftlichen Ereignis mit internationaler Ausstrahlung. Als neue Dienstleistung integrierten führende Modezeitschriften praktische Schnittmusterbögen in ihre Auflagen, welche den inhaltlich
besprochenen und abgebildeten Modellen entsprachen. Der Erste Weltkrieg beschleunigte die Demokratisierung der erstarrten Mode – eng geschnürte Korsetts, sperrige Krinolinen oder die obligate Tournüre verschwanden von der Bildfläche. Anno 1920 brachte Coco Chanel die Garçonne mit lackiertem Bubikopf en vogue und 1922 stellte Jeanne Lanvin ihre plissierten Hänger-Kleidchen vor. 1930 lancierte Madeleine Vionnet ihre „en biais“ geschnittenen Kleider mit Säumen bis Wadenmitte und Jean Patou präsentierte als erster Couturier das strenge Schneiderkostüm. Während des Zweiten Weltkrieges plädierte die Mode für eine militärisch inspirierte Silhouette mit breiter Schulterpartie.

 

Der New Look von Dior

Dank dem 1947 von Christian Dior eingeführten NEW LOOK präsentiert sich die Frau erneut in verführerischer Weiblichkeit.
Yves Saint Laurent, der nach dem Tode von Dior dessen Modehaus als Directeur Artistique führt, eröffnet 1962 seine eigenen Haute
Couture-Ateliers – fortan ist die junge Garde in Paris für das modische Geschehen verantwortlich. In der gleichen Epoche publiziert die internationale VOGUE zahlreiche Artikel über die Mini- Mode von Mary Quant. Twiggy wird zum Vorbild der verjüngten englischen Mode und macht die Londoner Carnaby Street weltberühmt. Als Antwort lancieren die Blumenkinder ihren nostalgischen Hippie-Look in Form von langen, ethnisch inspirierten Kleidern. Nach diesem Rückfall ins „modische Mittelalter“
übernimmt André Courrèges anno 1968 das Kommando und schickt kurze, geometrisch konstruierte Kleidchen über den Laufsteg.

 

JACQUES FATH Sommer 1952, Mousseline-Kleid mit weißem Linon-Kragen

Sein revolutionärer Stil wird auch vom internationalen Prêt-à-Porter übernommen und in die USA exportiert. In speziellen Boutiquen angeboten, erreicht diese „new french fashion“ imposante Verkaufszahlen. Während den siebziger Jahren ist die jugendlich beschwingte Eleganz durch lässige Freizeitmodelle, bedruckte T-Shirts oder Blue Jeans ernstlich tangiert. Die Replik auf diesen (nach)lässigen Trend manifestiert sich in den neunziger Jahren in Form einer oft überbordenden Designermode. Es sind vor allem Stilisten wie Vivienne Westwood, Jean-Paul Gaultier mit erotischen Modellen für Madonna, Dolce & Gabbana dank einer hochgezüchteten Eleganz oder Martin Margiela mit dekonstruierten Formen, welche die Verantwortung für diese Entwicklung tragen.

 

JOHN GALLIANO Prêt-à-Porter Winter 2000/01 Foto: Dukas(Bild: Dukas)

 

Pädoyer für das elegante Kleid

Das 21. Jahrhundert setzt für modische Entwicklungen neue Maßstäbe. Der moderne Designer setzt den Computer für gezielte Schnitt-Konstruktionen oder -Vergrößerungen ein, präsentiert die Kollektionen im Internet und steigert dank modernen Marketing-Strategien die Umsätze und den Bekanntheitsgrad. Diese gezielte Aktualisierung entspricht nicht nur den hohen Qualitätsansprüchen der Konsumentinnen, sondern betont auch ihren eleganten Auftritt. In diesem Sinn verkörpert das Kleid eine tragbare Synthese mit individueller Ausstrahlung – trotz praktischen Hosen und Röcken, funktioneller Jeans-Fashion oder komfortablen Sportmodellen. Das Schlusswort gehört der festlichen Cocktail- und Abendmode mit ihrer verführerischen Ausstrahlung. Nach den großartigen Kreationen von Christian Dior und Jacques Fath in den 50er- Jahren oder von Yves Saint Laurent als würdiger Nachfolger machen im beginnenden 21. Jahrhundert vor allem Jean- Paul Gaultier sowie John Galliano modische Schlagzeilen.

 

Produkt: Schnittmuster Plus Size Raglankleid
Schnittmuster Plus Size Raglankleid
Der Schnittmusterbogen enthält ein Raglankleid mit Teilungsnähten in den Größen 36 - 62.

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