Produkt: Rundschau für Internationale Herrenmode 5-6.2018
Rundschau für Internationale Herrenmode 5-6.2018
DesignDesigner-Look: Overall – Schnitt-Technik: Kochjacken – Verarbeitung: imitierter Sakkoschlitz – Porträt Kentaur – Dresses to cook

Trend: Die neue Männ­lich­keit

Male Models auf dem Laufsteg
Inspiration Runway: Prada, Dior, Gucci (Bild: Catwalkpix.com)

In der Mode konnte sich die Frau in den vergangenen Jahrzehnten von gängigen Geschlechterklischees weitestgehend befreien: Sie gilt heute sowohl im elegant im Abendkleid als auch cool im androgynen Smoking als passend gekleidet. Daneben wirkt der Mann in seinem Anzug wie ein Gefangener. Wird er 2020 endlich ausbrechen?

Die Frau entdeckte Anzug, Hose und Hemd für sich, um dem Mann auf Augenhöhe zu begegnen, sich in ihrem Look anzupassen, die klassischen Geschlechterrollen aufzuheben und in der Welt der Herren mitreden zu dürfen. Heute hat sie die Wahl und kann sich zwischen Ballerinas und Budapestern, Hüftrock und Hosenanzug, Kette und Krawatte frei entscheiden. Ohne dafür schief angeguckt zu werden kann sie jedem Trend folgen und mit Gender Roles spielen. Dem Mann hingegen wird in seinem bis zum Kinn zugeknöpften Hemd nach wie vor die Luft abgeschnürt. Wenn er auf einer Party mit Socken in Knallfarben, einer ausgefallenden Fliege oder gar im glitzernden Jackett erscheint, gilt er als bunter Vogel oder einfach als homosexuell. Man(n) mag sich kaum vorstellen, was die Leute denken würden, wenn er im Kleid oder mit Accessoires wie Federboa oder Highheels erschiene. Es stellt sich die Frage, wer in Sachen Mode und Trends tatsächlich das schwächere Geschlecht ist.

Unisex: Eine der größten Lügen der Modeindustrie

Eine Überlegung, die auch namhaften Designern Kopfzerbrechen bereitet. Modemacher Yohji Yamamoto sieht im Entwerfen seiner Herrenkollektionen jedes Mal eine Herausforderung. Er sagt: »Es ist schwierig, weil man bei Männerkleidung schneller an seine Grenzen stößt. Es gibt nur eine begrenzte Zahl von Kleidungsstücken, Jacke, Hose, Hemd. Damit lässt sich nur schwer spielen. Bei Frauenkleidern dagegen ist die Gestaltungsfreiheit grenzenlos.« Die Frau hat den Kampf der Befreiung nämlich schon vor fast einem Jahrhundert bestritten, als Marlene Dietrich in den 20er-Jahren, in die nach ihr benannten Hosen stieg. Die Gesellschaft hielt wegen ihres Garçonne-Stiles den Atem an. In den 70er-Jahren regierte der Unisex-Gedanke. Dieser lautete: Mode trennt die Geschlechter nicht mehr, sondern vereint sie in einer androgynen Look ohne gesellschaftlich typische Gender Roles. Allerdings ist es in Wahrheit so, dass lediglich die Frau die Grenzen sprengte, während der Mann seinen gewohnten Farben und Formen weitestgehend treu blieb.

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Ein Mann im Rock ist ein Krieger

Der Männerrock ist eine weitere große Modelüge. Denn auch er wagt sich nicht auf die feminine Seite, sondern orientiert sich am Kilt des schottischen Highlanders: einem urmännlichen Kleidungsstück, durchtränkt von purem Testosteron. Als solcher wird er durchaus gerne von Männern getragen – Sean Connery und Prince Charles sind zwei der prominenteren – was allerdings nichts mit neuer Männlichkeit zu tun hat. Sobald diese anvisiert wurde und man versuchte, den Kilt quasi zu entvirilisieren und ihn als Rock für den Mann salonfähig zu machen, hielt sich die Begeisterung der Modewelt in Grenzen. Auch Designerlegenden wie Jean Paul Gaultier und Alexander McQueen schafften es nicht, den Rock dauerhaft in der Männermode zu etablieren. Heute begeben sich immer mehr Designer auf den Weg, um mit klassischen Männlichkeitssymbolen in der Mode zu brechen: Farben, Formen und Schnitte erlauben den Herren eine neue Sexiness. Prada und Fendi kombinieren zum Sakko und Blouson eine hautenge Shorts als normales Outfit für den Alltag, ganz nach dem Motto: Zeig was du hast. Eine Denkweise, die sich zuvor nur in den Styles der Damenmode wiederfinden ließ. Louis Vuitton und Dior lassen das Hemd, ein typisch maskulines Kleidungsstück, transparent werden und geben ihm damit eine neue Sinnlichkeit. Loewe und Paloma Spain setzen auf Satin- Stoffe, Pastellfarben und Leo-Muster, die Männer zu Miezekatzen werden lassen. Die genannten Marken sind auf einem guten Weg, die Männer Modetrends der Fashion Weeks 2020 noch diverser zu gestalten und Gender Roles verschwinden lassen.

Male Models auf dem Laufsteg
Inspiration Runway: Palomo, Loewe, Browne

Wie sieht moderne Männlichkeit aus?

Die moderne Männlichkeit spiegelt sich nicht nur in der Mode selbst, sondern auch in der Wahl der Models wider. Das deutsche Model Benjamin Melzer, wurde vor 32 Jahren als Yvonne geboren. Nach einer Geschlechtsumwandlung startete er seine Karriere als Transgender Model. Als ihn die ersten Haare auf der Brust wuchsen, sah er sich erstmals als richtiger Kerl. Er trainierte im Fitnessstudio, um seine Schulterpartie zu stärken. »Die klassische V-Form – breites Kreuz, schmaler Hintern – gehört für mich zur Männlichkeit dazu«, lautet im Gespräch mit der GQ seine persönliche Definition von Männlichkeit. Er zierte als erstes Transgender Model das Cover der Männerzeitschrift. Trotz seiner persönlichen Ansicht von muskulöser Männlichkeit, kämpfe er als Aktivist dafür, dass klassische Rollenbilder vergessen werden und jeder die körperliche Form annehmen dürfe, in der sich die Person eben wohlfühle.

Bullig: Männer mit Brust und Bauch

Ein wichtiger Gedanke: Es geht darum, eine neue Form der Männlichkeit zuzulassen und zu akzeptieren. Während in der Damenmode langsam aber sicher unterschiedliche Körperformen gezeigt und sogar als Marktlücke gesehen werden, sind die Models auf den Laufstegen oder in Modekampagnen der Männermode hypersexualisierte Adonisse oder sehr schmale Mannequins Pariser Agenturen: Versace oder SSS World Corp lassen die Mode von durchtrainierten Muskelpaketen vorführen, während Fendi auf Haut und Knochen setzt. Eine Modelwahl, für die Women-Designerin Victoria Beckham immer häufiger Kritik erntet, interessiert in der Männermode kaum jemanden. Haben Sie mal ein Plus-Size-Male-Model auf einen der etablierten Laufstege gesehen? Selten, aber: Als im Dezember 2019 die bekannte THE ICONIC Swimwear Show in Sydney stattfand, spazierte Zach Miko, das erste männliche Plus-Size-Model weltweit, in Badehose über den Laufsteg – mit Bäuchlein und leicht hängender Brust. Er selbst bezeichnet sich übrigens nicht als plus-size, sondern als bullig.

2020: Das Jahrzehnt diverser Männlichkeit?

Er zelebriert seinen vollkommen durchschnittlichen Körper und will Männer damit von einem Druck befreien, über den wohl kaum jemand spricht. Denn wenn es um Körperideale geht, denken die meisten nur an die Sanduhren-Figur, die jede Frau haben sollte. Dabei ist auch Mannsein in unserer heutigen Gesellschaft nicht einfach. Das beweist schon die simple Tatsache, dass die meisten männlichen Nutzer der Dating-App »Tinder« ihre Körpergröße ins Profil schreiben, um einen vermeintlichen Aspekt der Männlichkeit zu erfüllen. Es bleibt abzuwarten, ob der Mann 2020 endlich ausbrechen wird und verschiedene Formen von Männlichkeit in die Modeindustrie Einzug halten: klein, groß, bullig, bunt.

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Produkt: Rundschau für Internationale Herrenmode 9-10.2019
Rundschau für Internationale Herrenmode 9-10.2019
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