Produkt: Rundschau für Internationale Herrenmode 3/2016 Digital
Rundschau für Internationale Herrenmode 3/2016 Digital
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Herrenschneider als UNESCO-Kulturerbe

Gemälde eines Schneiders
Der Schneider, 1570–1575, von Giovanni Battista Moroni aus der National Gallery (London) (Bild: Wikimedia Commons)

Die Handwerker-Walz, die Falknerei, das Köhler-, Flecht- & Drechslerhandwerk – sie alle stehen auf der UNESCO-Liste »Immaterielles Kulturerbe in Deutschland«. Wird demnächst auch der Beruf des Herrenschneiders zum Kulturerbe der UNESCO gehören?

Wenn es nach den »Herrenschneidern« geht, könnte dies in etwa zwei Jahren soweit sein. So lange dauert das nationale Bewerbungsverfahren, mit dem »Die Herrenschneider« erreichen wollen, ihren Beruf als kulturschaffendes und erhaltendes Handwerk durch die UNESCO anerkennen zu lassen. Hintergrund für diese Initiative ist die Intention, ursprünglich mit der handwerklichen Maßschneiderei verbundene Begriffe wie »Maßarbeit«, »Herrenschneider« etc. wieder auf diesen Ursprung zurückzuführen und ihnen den Wert wiederzugeben, der ihnen zukommt. Also sich deutlich und eindeutig abzusetzen sowohl von der Maßkonfektion als auch von der Praxis einer »Maßanfertigung«, die mit diesem Begriff im Grunde Hochstapelei betreibt.

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Überliefertes Wissen & Können wertschätzen

»Mit der Bewerbung zum Immateriellen Kulturerbe in Deutschland wollen wir unser Handwerk, unsere Handwerksleistungen und die Kulturgeschichte dahinter hervorheben«, so Sandro Dühnforth, Gründungsmitglied von »Die Herrenschneider». »Wir haben die große Hoffnung, sofern wir mit dem Eintrag in die UNESCO-Liste erfolgreich sind, dass der Beruf des Herrenschneiders mit seiner mehr als tausendjährigen Geschichte allein in Deutschland, beziehungsweise die Berufsbezeichnung »Herrenschneider« ein schützenswerter Begriff werden könnte. Wir möchten unseren Kunden und allen interessierten mitteilen: Wirkliche Maßschneiderei ist nicht denkbar ohne einen langen Qualifizierungsprozess, sowohl was die historische Entwicklung des Handwerks angeht als auch im Hinblick auf praktisches Handwerkswissen und die Fertigkeiten, die ein Herrenschneider für die Ausübung seines Berufs erwerben muss.«

Max Raabe als Galionsfigur

Die Bewerbung der »Herrenschneider« zum Im-materiellen Kulturerbe hat prominente Unterstützer gefunden: Prof. Otto C. J. Niemann, Autor zahlreicher Schriften und Bücher, u. a. zur Geschichte der Entwicklung des Schneiderhandwerks und zur Kultur- und Technikgeschichte des Zuschnitts, sowie der New Yorker Blogger und Autor Juhn Maing, der sich nach seiner Untersuchung zur Geschichte des Schneiderhandwerks in Sizilien nun mit der Maßschneiderei in Deutschland beschäftigt. Sozusagen als sichtbare »Galionsfigur« für das, was Herrenschneiderei leistet, konnte Max Raabe, Künstler und Kunstfigur in Personalunion, gewonnen werden. »Wir wollten zeigen, dass ohne die Herrenschneiderei, ohne Maßanzug und Smoking, literarische, Theater- oder Filmfiguren nicht so hätten gezeichnet und charakterisiert werden können, wie wir sie quasi vor Augen haben. Denken Sie nur an »Der große Gatsby«, an James Bond oder die eleganten Dandies in den Komödien von Oscar Wilde. Bei unserer Bewerbung wollten wir deshalb auch eine Künstler- und Kunstfigur im Maßanzug zeigen: Max Raabe hat sofort Ja gesagt und ein Bild geschickt. Das war großartig!«

Schneider bei Henry Poole sitzen im Schneidersitz auf dem Tisch und nähen
Schneider bei Henry Poole & Co in der Savile Row in London, 1944 (Bild: Wikimedia Commons)

Im Einklang mit der Savile Row

In etwa zeitgleich mit der Bewerbung von »Die Herrenschneider« hat auch die »Savile Row Bespoke Association« in England einen Antrag für den Eintrag in die UNESCO-Liste eingereicht. »Das passt sehr gut«, meint Sandro Dühnforth, »denn wenn es uns beiden gelingen sollte, ins Rennen zu kommen, gäbe es vielleicht sogar Chancen, es auf die internationale Liste des Immateriellen Kulturerbes zu schaffen. Aber das ist noch Zukunftsmusik. Erst einmal müssen wir hier in Deutschland erfolgreich sein.« Und falls das nicht funktionieren sollte? »Dann machen wir natürlich weiter!«, ist die spontane Antwort. »Allein die Informationen, die wir uns erarbeitet und die Kontakte, die wir geknüpft haben, sind schon Gold wert. Darüber hinaus denke ich, dass eine realistische Chance besteht, dass wir zumindest in die Bundesweite Auswahlliste aufgenommen werden und damit eine gute Möglichkeit haben, an die Öffentlichkeit zu gehen und mehr Aufmerksamkeit für unser Handwerk zu bekommen, was für uns das größte Anliegen ist.«

Das Gütesiegel

Auch ein weiteres Projekt von »Die Herrenschneider« zielt darauf ab, Maßbekleidung als handwerkliches Kulturgut auszuzeichnen. Es ist ein Gütesiegel, das mit fünf Qualitätskriterien handwerkliche Maßarbeit im Sinne von »Die Herrenschneider« definiert und damit dieses Label als Qualitätsversprechen etablieren soll. Eines der Qualitätskriterien lautet »anerkannter Herrenschneider« – eine etwas unscharfe Formulierung – Sandro Dühnforth präzisiert: »Es kommt uns darauf an, dass die praktische Ausübung des Berufs-, tatsächlich eindeutig als Herrenschneider definiert werden kann. Das meinen wir mit »anerkannt« – anerkannt als Herrenschneider*in von den Berufskolleginnen und Kollegen, anerkannt von den Kunden. Weiter wollten wir dies nicht einengen. Einerseits, weil es den Beruf des Herrenschneiders als eigenständige Berufsbezeichnung seit der Neuordnung der Handwerksrolle eigentlich überhaupt nicht mehr gibt. Andererseits, weil auch Kolleginnen und Kollegen aus dem Ausland zu uns kommen, die keine klassische deutsche Schneiderausbildung absolviert haben, weil es die dort überhaupt nicht gibt, aber langjährige Erfahrung und hervorragendes Know-how vorweisen können. Unter anderem deswegen ist dieser Punkt so offen formuliert.«

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Kapitulation vor der Mindestausbildungsvergütung?

Ein Kriterium fehlt allerdings im Gütesiegel komplett, ein Punkt, auf den bei der Gründung von »Die Herrenschneider« vor gut einem Jahr viel Wert gelegt wurde: die Ausbildung des Schneidernachwuchses als genuine Aufgabe der Betriebe. Eine »Wiedergeburt« des Herrenschneiderhandwerks, die man sich ausdrücklich als Ziel gesetzt hatte, wird es aber ohne Ausbildung nicht geben können. Also warum der Wegfall dieses zentralen Punktes? Kapitulation vor der Mindestausbildungsvergütung? »Viele Kolleginnen und Kollegen haben uns zu verstehen gegeben, dass Ausbildung unter den neuen Bedingungen für sie finanziell nicht mehr tragbar sei«, argumentiert Sandro Dühnforth. »Wir stehen also vor dem Dilemma, neue Mitglieder nicht mehr aufnehmen zu können, falls diese nicht ausbilden, auch wenn sie ein großer Gewinn für uns wären. Auch damit würden wir unseren zentralen Punkt »Wiedergeburt« des Herrenschneiderhandwerks infrage stellen. Andererseits müssen wir auf jeden Fall eine qualitativ hochwertige Ausbildung sicherstellen. Es stellt sich also die Frage, wie können wir solch eine Ausbildung leisten – in welcher Form auch immer – und gleichzeitige die Betriebe entlasten? Eine Option wäre die Einrichtung einer »Herrenschneider-Akademie«, was aber derzeit noch ein Zukunftsprojekt ist, das gründlich durchdacht werden muss. Im Moment freuen wir uns darüber, dass wir seit Gründung von »Die Herrenschneider« fünf neue Mitglieder begrü.en konnten, weitere Beitrittsanfragen liegen derzeit auf dem Tisch. Ich denke, diese Wachstumsrate ist ganz vorzeigbar angesichts der Anzahl der noch bestehenden Herrenschneiderbetriebe in Deutschland.

Das Immaterielle Kulturerbe der UNESCO in Deutschland

Das Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes zeigt exemplarisch, welche lebendigen kulturellen Traditionen und Ausdrucksformen in Deutschland praktiziert und weitergegeben werden. Die in das Verzeichnis aufgenommenen Kulturformen sowie ihre Träger stehen für die Kreativität, den Innovationsgeist und das Wissen unserer Gesellschaft. Die Liste des Immateriellen Kulturerbes würdigt kreative Kulturformen und deren reichen Schatz an Erfahrungswissen. Diese Aufmerksamkeit soll dazu führen, dass gelebte Traditionen, die heute in Deutschland von Gruppen und Gemeinschaften praktiziert werden, erhalten, fortgeführt und dynamisch weiterentwickelt werden können. Zur Aufnahme in die Liste trifft jedes Bundesland eine Vorauswahl und kann bis zu vier Bewerbungen an die Kultusministerkonferenz weiterleiten. Die bundesweite Vorschlagsliste wird von einem Expertenkomitee bei der Deutschen UNESCO-Kommission geprüft und bewertet. Die Kultusministerkonferenz und die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien bestätigen abschließend die Auswahlempfehlungen des Expertenkomitees.

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